In Arbeit: Festung Metz

Julia sucht nach der Wende das Weite und landet in Metz. Schnell wird klar, dass sie nicht die erhoffte Freiheit gefunden hat, zu viele Hindernisse drängen sie in einen nervtötenden Alltag. Da ist zunächst eine verheerende Beziehungsaltlast durch den Allesentscheider, dann die überall wuchernde West-Warenwelt ringsum, man spricht ausschließlich Turbo-Französisch ohne Punkt und Komma, fragen kann man niemanden, denn die Freunde sind nur per Brief und selten am Telefon erreichbar und die Familie weit weg. Wie soll man in einem derartigen Umfeld auch noch Studenten Landeskunde beibringen über ein Land, das es gar nicht mehr gibt? 
In so einem Heer von Unbekannten klammert man sich am besten an die internen Rettungsbrigaden und  verschanzt sich mitten in der alten Festungsstadt in seine eigene kleine Festung: alle Tore schließen, Zugbrücke hoch, Wachen auf die Türme. 
Doch dann erscheinen auf einmal Leute mit weißen Fahnen, manche winken ganz verzweifelt. Die internen Rettungsbrigaden schütteln bedächtig den Kopf. Sollte man jetzt nicht ausnahmsweise doch einmal die Rasselkette bedienen und den Eingang wiederherstellen?

Kapitel 1

Ich könnte ihn fragen, warum er mich mit seinem dicken roten Westmercedes trotzdem den ganzen Weg von Leipzig nach Metz fährt, aber will ich denn wirklich in so ein Hirnöd hineinsehen? Hirn hat er ja, aber er verwendet es verkehrt. Ja, das geht, hätte ich auch nicht gedacht, aber ohne Herz wird das Hirn eben öd. Und schon bin ich wieder drin in der alten Falle und denk über andre mehr nach als über mich selbst. Kehr doch erst mal vor deiner eigenen Tür, da ist genug Dreck vorhanden. Da kannst du auch gleich zugeben, dass du auch mit selbst dran schuld bist an dem Nullkonto mit klarer Tendenz zum Minusbereich. Ich hatte alles, Wohnung, Arbeit, Programm, Leute waren auch ein paar da. 

Und nur weil es mir nicht genügt hat, bin ich oberneugierig im Uni-Hochhaus in der elften Etage dem Prof DDR-Literatur hinterher, der seinem Freund in Metz einen Gefallen tun wollte. Der Freund in Metz war Chef der deutschen Abteilung in der dortigen Uni und hat sich eine Lehrkraft gewünscht, die seinen Studenten mal ordentlich erzählt, wie man so eine Friedliche Revolution hinkriegt. Vielleicht hat der gedacht, in Frankreich ist jetzt auch mal gut mit Bluvergießen am Ende des 20. Jahrhunderts und die Regierung hält sich nicht mehr lang, da können die jungen Franzosen hier mal was lernen. Ich fand das sehr auf der Höhe der Zeit, eigentlich musste das in aller Welt verbreitet werden, wenn sich Frankreich vordrängelt, bitte, geh ich halt zuerst da hin. Frankreich fand ich sowieso super, also kein Problem. Angesichts des begeisterten Prof DDR-Literatur war ich selbst gleich so begeistert, dass ich alles andere aus den Augen verlor und die einwöchige Bedenkzeit gat nicht wollte, der Prof DDR-Literatur musste mir die aufdrängen. 

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