Irrland
... erzählt die Geschichte einer Tramptour im Sommer 1990 von Berlin auf die grüne Insel.
Zwei Rucksäcke, ein ausgestreckter Daumen und kein Plan. Alle wollen nach Italien in diesem Sommer 1990. Nur Vero und Jule nicht. Sie wollen dahin, wo niemand ist. Quer durch den unbekannten Westen sind sie auf der Suche. Kein Weg ist gerade, doch jeder Umweg führt zu überraschenden Begegnungen. Und je weiter sie kommen, umso mehr verschwimmen die Grenzen zwischen Orientierung und Verlorensein.
Ein Roman über das Irren als Chance.
... erscheint demnächst in der Reihe delabla.

S. 37: Von Dortmund nach Amsterdam
Am nächsten Morgen bringt uns Veros Tante gegen zehn Uhr ausgeschlafen, frisch geduscht und satt an die Auffahrt Richtung Amsterdam. Sie gibt uns noch ein bisschen Reisegeld, nimmt Vero das Versprechen ab, dass sie es nur für Essen aus gibt, und wünscht uns viel Glück.
Das können wir unbedingt gebrauchen, denn an der Straße stehen bereits fünf Trampeinheiten. Wir reihen uns ein, und jetzt denkst du vielleicht, stimmungsmäßig nicht so gut, steil bergab wahrscheinlich, weil fünf Leute müssen erst mal weg geholt werden, bis wir endlich dran sind, und das kann ja ewig dauern, also wieder Gewarte und Schweigen und Mutlosigkeit, aber nein, so ist es nicht, denn du bist weiter von zu Hause weg, als du je in deinem Leben warst. Nicht kilometermäßig, sondern weltenmäßig. Das reißt dich stimmungsmäßig ganz nach oben, da kommt der Mut von alleine in riesigen Einheiten bis hin zum Übermut sogar, und du denkst: Jetzt geht es los, das Abenteuer!
Haha, denkt sich das Abenteuer, das entscheidest doch nicht du. Du stehst und stehst, bis erst der Übermut verbraucht ist und dann auch noch der Mut sich verabschiedet, und dann guckst du an dir runter, ob du aus Versehen ein Schild umhast, auf dem Gute Fahrt draufsteht. Denn die Leute in den Autos lachen und winken fröhlich heraus. Natürlich winkst du nicht zurück, sondern guckst ganz finster mit einem Mordsblick zu ihnen hin, aber keiner stirbt, und keiner hält.
Vero sitzt schon lange wieder an ihrem Lieblingsplatz am Straßenrand und starrt auf ihre Lieblingslandschaft: Feld und Wiese. Ich will nicht meckern, schließlich haben wir gerade bei ihrer Tante getankt, aber nach einer Stunde Rumgestehe frage ich gereizt:
»Wann bist du denn eigentlich mal dran?«
»Was denn?«
»Daumen raushalten.«
»Mach doch nicht so einen Stress. Hat doch bis jetzt immer geklappt.«
Hat es, weil ich jede Minute nutze, die Autofahrer auf uns aufmerksam zu machen und im Erfolgsfall in geschmeidige Gespräche zu verwickeln, damit sie uns so weit wie möglich mitnehmen. Ich sitze auf dem Beifahrersitz und schmeiße den Laden, während du dir hinten die Landschaft anguckst und schöne Gedanken machst. Ich schlucke und schlucke und schlucke, bis alles runter ist.
Vero hat inzwischen aus einem Stück Packpapier am Straßenrand immerhin ein Schild gebastelt, auf dem NL steht. Hoffentlich merkt sie sich, dass Eigeninitiative belohnt wird, denn jetzt geht es ganz schnell: Das Ruhrgebiet ist plötzlich nett und öffnet Trampern sogar die fläzigen Türen von Luxuslimousinen.
Ein freundlicher Mercedesfahrer sagt vergnügt: »Ich bin Vincent. Ich fahr bis Amsterdam, springt rein!«
Wir springen, ich schnell nach hinten auf die Rückbank, damit Vero vorne einsteigt. Vero und Vincent, ein Vahnsinn, dieser Vesten.






